Die Prometheaner 1810

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
 Es ist der Vater mit seinem Kind;
 Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
 Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Der junge Mann eilt durch die dunklen Gassen. Sein Atem geht stoßweise, er ist aufgeregt. Er fühlt sich tollkühn, mutig – so lebendig, wie nie zuvor! Heute Nacht würde er es vollbringen! Heute Nacht es wagen! Alle würden die Wahrheit lesen, sie erkennen. Ist die Box der Pandora erst einmal geöffnet, würde Nichts und Niemand sie wieder schließen können!

Sein Mantel schwingt beim Laufen hin und her und der Hammer in der Manteltasche schlägt schwer und schmerzhaft gegen seine Knie.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
 Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
 Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
 Mein Sohn, Du hörst nur eine Pfeif. –
 
„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
 Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir…“
 Was sonst er sprach; man hört es nicht,
 Weil lauter als er noch das Dampfross spricht –

Vor ihm erhebt sich dunkel das große Gebäude der Herzoglichen Bibliothek. Die Flügeltüre wirkt riesig, geradezu bedrohlich. Hab Acht, schien sie zu sagen, Du bist ein Wicht, ein Nichts! Hier ist das Wissen der Welt, Dein armseliges Geschreibsel ist es nicht wert, hier gelesen zu werden!

Zornig schießen ihm Tränen in die Augen. Und ob es das wert ist! Sie hatten ihn in den Tod getrieben! Ihn nicht gewürdigt für die Erkenntnisse, die er der Welt bringen wollte! Nun war er tot und Nichts und Niemand würde ihn zurück bringen! Aber für ihn, für Kant, würde er diese Tat begehen!

Entschlossen nimmt er sein Pergament, presst es auf die Türe, setzt einen Nagel an und holt mit dem Hammer aus.

Mein Vater, mein Vater, was seh‘ ich dort,
 Wartet ein eiserner Wurm an diesem Ort? –
 Verzage nicht, mein liebes Kind;
 Tragen wird Dampf uns, wie der Wind. –
 
So springt der Vater, den Sohn an der Hand,
 vom Pferde hinab und schnell gerannt
 die beiden sind zu dem wartenden Zug
 Der Erlkönig verwirrt „Was ist dieser Spuk?“

„WEN HABEN WIR DENN HIER?“ dröhnt plötzlich eine Stimme hinter ihm. Vor Schreck lässt er den Hammer und Nägel fallen; laut klingen sie auf den Steinen des Portals. Der Herr Geheimrat! Ausgerechnet! Ich bin verloren, schießt es ihm durch den Kopf! Hektisch blickt er sich nach einem Fluchtweg um, doch keine Flucht scheint nun noch möglich.

„Soso, Blätter an die Türe nageln, hmm? Rebellische Gedanken? Politischer Aufruhr? Was haben wir denn hier, zeige er es einmal her.“ mit einer entschlossenen Bewegung reisst der Mann vor ihm das Pergament von der Türe und überfliegt es interessiert. Ihm entfährt ein leises Lachen. „Nun, DAS ist einmal interessant, nicht wahr? Meint er das nicht auch, oder?“ fragt er den armen Studenten, der nun mit hängendem Kopf und Schultern dasteht.

„Bitte. Oh, bitte, Herr Geheimrat – ich kann das doch erklären…“ stammelt er.

Dampfend und schnaubend, langsam voran,
 doch schneller und schneller sodann,
 Reisen der Knab und Vater von dannen
 Des Nebels König blickt stumpf von den Tannen.

Dem König grauset’s; er reitet geschwind,
 Er hält in Armen kein ächzendes Kind,
 Dem Elfen Hof, voll Hunger und Not
 berichtet er traurig vom baldigen Tod.

„Oh, auf diese Erklärung bin ich sicherlich sehr gespannt! Ein sehr interessanter Geist scheint er zu sein. Ein moderner, nicht wahr? So komm er mit, hier draußen holt er sich doch gewiss den Tod, in der Dunkelheit und Kälte – ich denke, wir sollten bequem sitzen bei diesem Gespräch, meint er nicht auch?“ Mit einer Geste, die kein Nein zu dulden scheint, weist er den Weg in Richtung des Logenhauses, in dem auch zu dieser späten Stunde noch Kerzenschein die Fenster erhellt.